DAS NEUE WIR - WEGE ZU EINER WACHEN KULTUR

Poesie


Ich lebe grad


Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht.

Man fühlt den Wind von einem großen Blatt,

das Gott und du und ich beschrieben hat

und das sich hoch in fremden Händen dreht.


Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,

auf der noch Alles werden kann.


Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite

und sehn einander dunkel an.


                                     Rainer Maria Rilke , 1899 




Die Welt und ich


Im großen ungeheuren Ozeane

Willst du, der Tropfe, dich in dich verschließen?

So wirst du nie zur Perl zusammenschießen,

Wie dich auch Fluten schütteln und Orkane!


Nein! öffne deine innersten Organe

Und mische dich im Leiden und Genießen

Mit allen Strömen, die vorüberfließen:

Dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane!


Und fürchte nicht, so in die Welt versunken,

Dich selbst und dein Ureignes zu verlieren:

Der Weg zu dir führt eben durch das Ganze!


Erst wenn du kühn von jedem Wein getrunken,

Wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren,

Die jedem Sturm zu stehn vermag im Tanze!


                                                       Friedrich Hebbel